Markus Wechsler
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presse : Theater zum westlichen Stadthirsch - Das Mädchen
Grenzgänger
Im »Goldenen Saal« des »Tacheles« an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte gastierte wieder einmal das »theater zum westlichen stadthirschen«. Der von den Zeitläufen zerfledderte Saal ist ideale Kulisse für »Das Mädchen«. Unwirtliches Umfeld, verstörender Text, eigenwilliger Aufführungsstil, »kollektives theatrales Erzählen« genannt.
Sechs Darsteller kommen auf die Bühne, stehen, gehen auf und ab. Grenzgänger zwischen Traum und Wirklichkeit, berichten sie die irritierende, schwer faßbare Geschichte. Vater, Mutter, Schwester tot, durch Erhängen, umgekommen bei einem Brand, ausgelöst durch ein »Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte«. So der Titel des Romans von Gaètan Soucy, Montreal, nach dem die Erzählung für die Bühne erarbeitet wurde.
Regisseur Erick Aufderheyde gelingt mit seinen Darstellern ein spannungsreicher Abend, der vermehrte Hirntätigkeit erfordert, die Puzzleteile des Spiels in eine verständliche Ordnung zu bringen. Doch man bleibt verführt, folgt dem Geschehen. Ein Sog entsteht, der auch den eingangs befremdeten Betrachter ins vielschichtige Psychodrama zieht: Rituale der Gewalt, exzentrische Moralvorstellungen, Ausgeliefertsein und Selbstbestimmung, Tod und trotz alledem Lebenskraft.
Mit der Geschichte von denen am Rande, den »borderlinern« unserer sogenannten zivilisierten Welt, nimmt sich die Theatertruppe um Dominik Bender (seit 1982 leitender »stadthirsch« und Schauspieler ) erneut eines Themas an, das sie bereits in anderen Arbeiten vorgestellt und verteidigt hat. Sie bezeugt die Kraft der Schwachen, deren Reichtum an Fantasie, zwingt zu Innehalten, Atempause im Tageskampf, beweist ihre unentbehrliche Zugehörigkeit zur menschlichen Spezies.
Das Ensemble arbeitet hochkonzentriert, sehr professionell. Mitwirkende sind: Angela Böhmer, Cathrin Romeis, (die Frauen beeindrucken besonders nachhaltig), Dominik Bender, Peter Pankow, Markus Wechsler, Ernst Surberg.
Die Kopfarbeit hält nach diesem Abend an. Ein selten gewordenes Ereignis.

Anne Dessau, Ossieztky 5/2006


Melancholische Sozialstudie

Theater zum westlichen Stadthirschen spielt „Das Mädchen“ im Tacheles
Wie bringt man seinen toten Vater unter die Erde? In einem Leichentuch oder einem Sarg am Rand des Pinienwalds? Es ist gar nicht so einfach, sich plötzlich in einem echten Leben wiederzufinden, das man nur aus Heiligengeschichten kennt. Eingeprügelt vom gestrengen Vater in der Abgeschiedenheit eines Schuppens neben dem heruntergekommenen Gutshaus.
Erst allmählich offenbart die Inszenierung „Das Mädchen“ vom Theater zum westlichen Stadthirschen im Tacheles ihre Geheimnisse und gewährt tiefe Einblicke in den beklemmenden Mikrokosmos einer ganzen Kaspar-Hauser-Familie: Die Kindheit zweier Geschwister in völliger Isolation, aufgewachsen inmitten von Gewalt, Inzest, Hirngespinsten und religiösem Wahn. Dass die Bühnenadaption von Gaétan Soucys Roman „Das Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte“ nicht zur tonnenschweren Sozialstudie gerät, sondern anrührend leicht mit melancholischem Witz daherkommt, ist der Regie und Fassung von Erick Aufderheyde und dem Spiel seines großartigen Darsteller-Ensembles zu verdanken. Sie verwandeln die groteske Familientragödie in eine Sternstunde des Theaters.
Als „Schriftführer des Tages“ schlüpfen Angela Böhmer und Cathrin Romeis in die Rolle des Mädchens, das glaubt, ein zweiter Sohn zu sein. Die eine erzählt, die andere agiert. Dabei vermischen sich Rückblenden mit der Gegenwart: Dominik Bender lässt den grausamen Vater auferstehen. Markus Wechsler mimt den tumben Bruder und Peter Pankow zur allgemeinen Erheiterung das Pferd. Lediglich mit der Musik und den Sounds von Ernst Surberg unterlegt, benötigt das eindringliche Schauspiel keine Requisiten, kein Bühnenbild, um das bizarre, abgründige Universum einer gepeinigten Außenseiterin auf ihrer rätselhaften Identitätssuche greifbar zu machen.
Ulrike Borowczyk, Berliner Morgenpost