Grenzgänger
Im »Goldenen Saal« des »Tacheles« an der
Oranienburger Straße in Berlin-Mitte gastierte wieder einmal
das »theater zum westlichen stadthirschen«. Der von
den Zeitläufen zerfledderte Saal ist ideale Kulisse für
»Das Mädchen«. Unwirtliches Umfeld, verstörender
Text, eigenwilliger Aufführungsstil, »kollektives theatrales
Erzählen« genannt.
Sechs Darsteller kommen auf die Bühne, stehen, gehen auf und
ab. Grenzgänger zwischen Traum und Wirklichkeit, berichten
sie die irritierende, schwer faßbare Geschichte. Vater, Mutter,
Schwester tot, durch Erhängen, umgekommen bei einem Brand,
ausgelöst durch ein »Mädchen, das die Streichhölzer
zu sehr liebte«. So der Titel des Romans von Gaètan
Soucy, Montreal, nach dem die Erzählung für die Bühne
erarbeitet wurde.
Regisseur Erick Aufderheyde gelingt mit seinen Darstellern ein spannungsreicher
Abend, der vermehrte Hirntätigkeit erfordert, die Puzzleteile
des Spiels in eine verständliche Ordnung zu bringen. Doch man
bleibt verführt, folgt dem Geschehen. Ein Sog entsteht, der
auch den eingangs befremdeten Betrachter ins vielschichtige Psychodrama
zieht: Rituale der Gewalt, exzentrische Moralvorstellungen, Ausgeliefertsein
und Selbstbestimmung, Tod und trotz alledem Lebenskraft.
Mit der Geschichte von denen am Rande, den »borderlinern«
unserer sogenannten zivilisierten Welt, nimmt sich die Theatertruppe
um Dominik Bender (seit 1982 leitender »stadthirsch«
und Schauspieler ) erneut eines Themas an, das sie bereits in anderen
Arbeiten vorgestellt und verteidigt hat. Sie bezeugt die Kraft der
Schwachen, deren Reichtum an Fantasie, zwingt zu Innehalten, Atempause
im Tageskampf, beweist ihre unentbehrliche Zugehörigkeit zur
menschlichen Spezies.
Das Ensemble arbeitet hochkonzentriert, sehr professionell. Mitwirkende
sind: Angela Böhmer, Cathrin Romeis, (die Frauen beeindrucken
besonders nachhaltig), Dominik Bender, Peter Pankow, Markus Wechsler,
Ernst Surberg.
Die
Kopfarbeit hält nach diesem Abend an. Ein selten gewordenes
Ereignis.
Anne
Dessau, Ossieztky 5/2006
Melancholische Sozialstudie
Theater zum westlichen Stadthirschen spielt „Das Mädchen“
im Tacheles
Wie
bringt man seinen toten Vater unter die Erde? In einem Leichentuch
oder einem Sarg am Rand des Pinienwalds? Es ist gar nicht so einfach,
sich plötzlich in einem echten Leben wiederzufinden, das man
nur aus Heiligengeschichten kennt. Eingeprügelt vom gestrengen
Vater in der Abgeschiedenheit eines Schuppens neben dem heruntergekommenen
Gutshaus.
Erst allmählich offenbart die Inszenierung „Das Mädchen“
vom Theater zum westlichen Stadthirschen im Tacheles ihre Geheimnisse
und gewährt tiefe Einblicke in den beklemmenden Mikrokosmos
einer ganzen Kaspar-Hauser-Familie: Die Kindheit zweier Geschwister
in völliger Isolation, aufgewachsen inmitten von Gewalt, Inzest,
Hirngespinsten und religiösem Wahn. Dass die Bühnenadaption
von Gaétan Soucys Roman „Das Mädchen, das die
Streichhölzer zu sehr liebte“ nicht zur tonnenschweren
Sozialstudie gerät, sondern anrührend leicht mit melancholischem
Witz daherkommt, ist der Regie und Fassung von Erick Aufderheyde
und dem Spiel seines großartigen Darsteller-Ensembles zu verdanken.
Sie verwandeln die groteske Familientragödie in eine Sternstunde
des Theaters.
Als „Schriftführer des Tages“ schlüpfen Angela
Böhmer und Cathrin Romeis in die Rolle des Mädchens, das
glaubt, ein zweiter Sohn zu sein. Die eine erzählt, die andere
agiert. Dabei vermischen sich Rückblenden mit der Gegenwart:
Dominik Bender lässt den grausamen Vater auferstehen. Markus
Wechsler mimt den tumben Bruder und Peter Pankow zur allgemeinen
Erheiterung das Pferd. Lediglich mit der Musik und den Sounds von
Ernst Surberg unterlegt, benötigt das eindringliche Schauspiel
keine Requisiten, kein Bühnenbild, um das bizarre, abgründige
Universum einer gepeinigten Außenseiterin auf ihrer rätselhaften
Identitätssuche greifbar zu machen.
Ulrike
Borowczyk, Berliner Morgenpost |
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